Die Geschichte des Musikvereins für Steiermark

Stephaniensaal (c) Robert Illemann

Die Kuppel im Foyer des Congress Graz (c) Robert Illemann

Der Musikverein für Steiermark ist der größte Konzertveranstalter der Landeshauptstadt Graz. Im Stephaniensaal des Congress Graz, der zu den akustisch besten Konzertsälen der Welt gehört, werden hochkarätig besetzte Orchester-, Kammer-, Solistenkonzerte und Liederabende als Abonnementkonzerte veranstaltet. Seit der Saison 2008/09 wird im Rahmen der Präsentationsreihe „Amabile“ auch der Kammermusiksaal als Podium für junge Musiktalente und Kammeropernproduktionen wieder belebt. Nach dem Wiener Musikverein ist der Musikverein für Steiermark der zweitälteste Musikverein der Welt, der seit seiner Gründung Anfang des 19. Jahrhunderts ohne Unterbrechung tätig ist. In der Saison 2014/15 feiert der Musikverein sein 200-jähriges Bestehen.

Die Matrikel aus dem Jahr 1821

Der Musikverein wurde 1815 von einer Gruppe Grazer Akademiker gegründet – nach Vorbild der k.u.k. Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates in Wien. Das genaue Gründungsdatum ist nicht bekannt, allerdings geht aus einigen Quellen hervor, dass der Verein im April 1815 bereits aktiv war. Dem ersten Statut zufolge war die treibende Kraft bei der Gründung des Musikvereins Johann Farbmann, Kurat der Grazer Stadtprobstei. Außerdem sind die Namen dreißig weiterer Personen bekannt, die dieses Statut unterzeichnet haben. Die behördliche Anerkennung der Vereinigung, die in der allerhöchsten Kenntnisnahme des Monarchen bestand, erfolgte jedoch erst 1821.

Franz Schubert. Ölgemälde von Wilhelm A. Rieder

Aufgenommen wurden in den ersten Monaten nur Akademiker, was sich auch in der Nomenklatur „Academischer Musikverein“ widerspiegelt. Schon bald stellte man allerdings fest, dass der ursprüngliche Kreis von Mitgliedern zu eng war, und beschloss, auch nichtakademische Mitglieder aufzunehmen. Diese wurden als „Ehrenmitglieder“ bezeichnet, wobei zwischen „teilnehmenden“ und „auswärtigen Ehrenmitgliedern“ unterschieden wurde. Zu den bedeutendsten „auswärtigen Ehrenmitgliedern“ – also Ehrenmitgliedern im heutigen Sinne – des frühen 19. Jahrhunderts zählen Ludwig van Beethoven (1821) und Franz Schubert (1823). Weitere Ehrenmitglieder dieser Zeit sind beispielsweise Anton Diabelli und Antonio Salieri. Zu den wichtigsten Ehrenmitgliedern des 20. Jahrhunderts zählen Ernst Krenek, Karl Böhm, Alfred Cortot, György Ligeti, Alfred Brendel und Ernst Märzendorfer.

Ludwig van Beethoven, Ehrenmitglied des Musikvereins seit 1821

Ziel des neu gegründeten Musikvereins waren regelmäßige „musikalische Übungen“, also das aktive, gemeinsame Musizieren. Zur Motivation der Mitglieder wurden außerdem „Gesellschafts-“ oder „Monats-Concerte“ organisiert. Das erste öffentliche Konzert“, das allerdings nur Mitgliedern und geladenen Gästen zugänglich war, fand am 6. Juni 1815 statt. Aufgeführt wurden u.a. Werke von Beethoven, Franz von Mosel, Rodolphe Kreutzer und Anton Diabelli. In der Zeitung Der Aufmerksame schrieb der Redakteur Kollmann: „Mitten in einer für den Aufschwung des Musiklebens, für die artistischen Verständigungen und den äußeren Vorschub langher so ungünstigen Zeit war das Erscheinen einer aus sich selbst gebildeten und so schön vereinten musikalischen Gesellschaft etwas Höchsterfreuliches, sowohl für die Gegenwart als auch für die künftigen Erwartungen.“

Karl Böhm

Die Vereinsschule, die bereits ein Jahr nach der Gründung ihre Unterrichtstätigkeit aufnahm, entsprach mit ihrem allgemeinen Drang der damaligen Gesellschaft nach Bildung, Erziehung, und Aufklärung einem Bedürfnis der Zeit. Komponisten wie Ferruccio Busoni, Nikolaus von Reznicek und Wilhelm Kienzl oder Dirigenten wie Felix Weingartner, Ernst Schuch und nicht zuletzt der gebürtige Grazer Karl Böhm gingen aus ihr hervor. Durch die Kulturpolitik des Jahres 1939 erfolgte die Abtrennung der Vereinsschule, die als „Konservatorium“ verstaatlicht wurde (ab 1963 Akademie, heute Universität für Musik und darstellende Kunst). Die in der Griesgasse verbliebenen Klassen wurden als „Landesmusikschule“ und später als „Johann-Joseph-Fux-Konservatorium“ weitergeführt.

Christa Ludwig

Nach seiner Reorganisation als privater Verein behielt der Musikverein nach dem Zweiten Weltkrieg seine Position als Konzertveranstalter bei. Mit Konsequenz strebte man der Öffnung zum internationalen Markt entgegen. Seit den 1960er-Jahren konnte internationale Prominenz nach Graz gebracht werden, darunter Erich Kleiber, John Barbirolli, Hans Knappertsbusch, Sergiu Celibidache, Herbert von Karajan, Clemens Krauss, Dimitri Mitropoulos und Eugene Ormandy. Zu einer Spezialität für Graz kristallisierte sich seit 1954/55 die Veranstaltung von Liederabenden: In mehr als 300 Konzerten gastierte hier die Weltelite des Liedgesangs, darunter Persönlichkeiten wie Irmgard Seefried, Wilma Lipp, Hans Hotter, Christa Ludwig, Peter Pears, Hermann Prey, Nicolai Gedda, Lisa della Casa, Fritz Wunderlich, Gundula Janowitz, Grace Bumbry, Peter Schreier, Teresa Berganza, Lucia Popp, Brigitte Fassbaender und Jessye Norman.

Elina Garanca (c) Gabo/DG

Der Rosenkavalier. Filmplakat von Alfred Roller (1926)

Seit 2008/09, als Dr. Michael Nemeth zum Generalsekretär und Künstlerischen Leiter bestellt wurde, konnten durch innovative Projekte und die regelmäßige Verpflichtung international gefragter Spitzenmusiker neue und größere Publikumskreise gewonnen werden. So präsentierte etwa Angela Denoke mit einem Jazzensemble Lieder und Songs der 1920er- und 1930er-Jahre, Martin Grubinger sorgte mit seinem Programm The Percussive Planet für ein klanggewaltiges Kammerkonzert. Zu Saisonbeginn 2010/11 fand im Stephaniensaal erstmals ein Promenadenkonzert statt, das sich an den berühmten BBC Proms in London orientierte. Am 14. Juni 2012 gastierte im Rahmen eines zweiten Promenadenkonzerts das Ensemble German Brass. Die Saison 2011/12 schloss mit einem weiteren Highlight, bei dem sich der Stephaniensaal in einen Kinosaal verwandelte: Frank Strobel und das Grazer Philharmonische Orchester interpretierten die Originalmusik zum Stummfilm Der Rosenkavalier. Glanzpunkte der jüngsten Vergangenheit waren u.a. Konzerte mit Zubin Mehta, Oleg Maisenberg, Markus Schirmer, Arcadi Volodos, Michael Schade, Thomas Quasthoff, Julian Rachlin, Fabio Luisi und die Wiener Symphoniker, Bertrand de Billy, Cecilia Bartoli, Ian Bostridge, Xavier de Maistre, Krzysztof Penderecki, Mischa Maisky, Sir Neville Marinner, András Schiff, Julia Fischer, Mojca Erdmann, Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker, Jonas Kaufmann und Elīna Garanča.

Rossini: La cambiale di matrimonio (c) Susanne Windholz/Musikverein

Donizetti: Rita (c) Susanne Windholz/Musikverein

2008/09 wurde die Konzertreihe „Amabile – junge Musiktalente“ gegründet. Sie fördert den musikalischen Nachwuchs im instrumentalen und im vokalen Bereich, indem sie jungen Künstlern eine Auftrittsmöglichkeit bietet, und schließt damit an die Gründungszeit des Musikvereins an. Außerdem sollen junge Konzertbesucher angesprochen werden. Im Zentrum von „Amabile“ stehen junge Musiktalente, die dem Publikum von etablierten Künstlern vorgestellt werden. Als Präsentatoren konnten bisher Markus Schirmer (Klavier), Julian Rachlin (Violine), Martin Grubinger (Multipercussion), Barbara Moser (Klavier), Ernst Ottensamer (Klarinette), Dominique Meyer (Direktor der Wiener Staatsoper), Lidia Baich (Violine) und Michael Schade (Tenor) gewonnen werden. In der Saison 2010/11 begeisterte außerdem Alfred Brendel mit einem musikbegleiteten Vortrag. Mit Gioachino Rossinis Einakter Il signor Bruschino veranstaltete der Musikverein 2009 erstmals in seiner Geschichte eine szenische Opernproduktion. Die Trilogie früher Rossini-Opern wurde mit La scala di seta fortgeführt und 2011 mit La cambiale di matrimonio abgeschlossen. 2012 wurde im Kammermusiksaal Donizettis Operneinakter Rita erstmals in Graz aufgeführt.